Meine Damen Und Herren!
Als ich Mitte Mai gebeten wurde in diesem Jahr die Abiturrede zu halten, fuhr mir im ersten Moment der Schreck in alle Glieder. Um Himmels Willen, weshalb gerade ich?
Beim raschen geistigen Durchforsten unseres Kollegiums erschien mir zunächst jeder andere für diese Ehre besser geeignet als ich, und mit diesen Gedanken hatte ich bereits innerlich die Flucht angetreten. Ein ausgesprochen mulmiges Gefühl machte sich in mir breit. Die bloße Vorstellung, von der Bühne aus in die vielen erwartungsvoll sowie kritisch auf mich gerichteten Augenpaare zu blicken und schließlich auch noch möglichst geistreich zu sprechen, empfand ich als außerordentlich beunruhigend und ließ mich ganz klein werden. Aber ein Gedanke, mehr noch ein Gefühl, knüpfte sich sofort daran und gewann zunehmend die Oberhand: Ganz sicher ist es kein Zufall, dass man mir diese Aufgabe anvertraut hat. Damit wurde mir nicht nur eine besondere Ehre zuteil.
Viel bedeutungsvoller wurde es von diesem Augenblick an für mich, das tief unter die Haut gehende Gefühl der Aufregung und Angst eines Menschen, der nach vorne gerufen wird um Rede und Antwort zu stehen, nicht nur vom Kopf her oder aus längst verjährter Erinnerung zu verstehen, sondern in allen Zellen des eigenen Körpers unmittelbar selbst zu spüren - und zwar vor Ihrer mündlichen Abiturprüfung! Es war eine Erfahrung, die ich zu keinem besseren Zeitpunkt hätte machen können und die durchaus wesentlichen Einfluss auf die Prüfungen hatte.
Hier und heute nun bin ich zur Rede gestellt für Sie, insofern also gewissermaßen auch von Ihnen und ich bin froh darüber. Ein Abitur liegt hinter uns, das auf Grund der unterschiedlichsten Umstände für uns alle ein ganz besonderes Abitur war. Von diesen ungewöhnlichen Umständen möchte ich an dieser Stelle einen herausgreifen:
Das hochsommerliche Wetter der letzten Woche bescherte uns Temperaturen von über 35 0C, die unser Oberstufengebäude, welches sonst stets der Austragungsort für die mündlichen Abiturprüfungen war, derart aufgeheizt hatten, dass eine Durchführung dort für alle Beteiligten zu einer zusätzlichen Belastung geworden wäre. Aus diesem Grund entschloss sich die Schulleitung, die Prüfungen in die Pavillons zu verlegen, welche im Schatten der Bäume erträglichere Temperaturen versprachen. Dies führte zu der für uns alle einmaligen Situation, dass die Prüflinge nicht wie bisher treppauf oder - ab über graue, lange Flure zu ihrem Prüfungsraum gehen mussten, sondern diesen letzten Schulweg vom Vorbereitungsraum im Physik-Gebäude quer über das Waldschulgelände zu den jeweiligen Pavillons zurücklegen durften. Dieser Weg durch den Wald bei lauer Luft, Sonnenschein, Vogelgezwitscher und gelegentlichem Glockenläuten führte die meisten von ihnen zu dem Gebäude, ja - etliche sogar in den Klassenraum, wohin sie als Siebtklässler ihre ersten Schritte gelenkt haben. Hier schloss sich also ihr schulischer Kreis auf eine ganz besondere Weise gerade dort, wo er einst begonnen hat.
Nun haben Sie , liebe Abiturienten, Ihre Abiturprüfungen erfolgreich hinter sich gebracht und empfinden neben dem Gefühl der Freude sowie der Selbstbestätigung vermutlich das einer schier unbeschreiblichen Freiheit. Frei sein von allen Vorgaben, alles abschütteln, was etwas von Ihnen erwartet und von Ihnen verlangt, um von nun an statt dessen über alles ganz allein von Anfang an zu bestimmen. Ist das Freiheit? Was einer ist und wie er lebt - so wurde dies einmal zusammengefasst - bestimmt am allerwenigsten er selbst. Das innere Wesen der Freiheit aber ist Selbstbestimmung. In dieses Verlangen nach Selbstbestimmung fließt nun ein, dass der Mensch mit dem, was er will, nie wirklich am Ziel ist. Was immer wir erreichen, wir fühlen uns stets auch getrieben, über das Erreichte noch einmal hinauszugehen. Was immer wir an Freiheit haben, wir sind darin nicht so frei, dass Freiheit erfüllte Wirklichkeit wäre. Nur ganz selten gelingt es Freiheit als bestehende Wirklichkeit zu genießen. Freiheit verfällt, wenn man sie nur so haben will, wie sie jetzt ist, wenn man sie als Besitz einfach nur passiv zu genießen sucht.
Freiheit, die die entscheidende Möglichkeit des Menschen ist, versteht sich also nicht so sehr als Besitz sondern als Aufgabe. Anders gesagt: Es geht darum, über das nachzudenken und das zu formulieren, was man will, ohne sich schon darin völlig von der Frage bestimmen zu lassen, wie das Ziel denn zu erreichen ist. Hier ist nun ein Sachverhalt zu bedenken, der das Freiheitsbewusstsein heute besonders bedroht. Die Möglichkeit, dass der Einzelne selbst über Form und Inhalt seines Lebens befindet, nimmt tatsächlich ab. Immer weniger können wir selbst entscheiden, wie wir es eigentlich selbst haben wollen, welchen Beruf wir ergreifen und unter welchen Bedingungen wir arbeiten möchten, oder auch nur, wie für das Alter vorzusorgen ist.
Angesichts dessen scheint es uns schon viel, wenn wir am Wochenende vielleicht oder im Urlaub wenigstens den natürlichen Antrieben gemäß einmal aufleben können - essen und trinken am offenen Feuer irgendwo in der freien Landschaft, raufen und spielen mitten im Wald oder schwimmen in einem abgelegenen See. Da fühlen wir uns dann frei. Hinterher aber hat das System uns wieder, und Freiheit äußert sich erneut vor allem in dem Verlangen abzuschütteln, was uns nötigt und bedrückt.
Wie kommt es eigentlich dazu? Die moderne Welt, die doch Freiheit verhieß, produziert ganz eigene Zwänge. Herrschaft über die Natur ist zum Beispiel eine entscheidende Voraussetzung menschlicher Freiheit. Mit jedem Schritt aber, mit dem der Mensch sich seinem göttlichen Auftrag gemäß die Natur untertan gemacht hat, der uns also aus der Abhängigkeit von der Natur hinausgeführt hat, ist auch die Gewalt des technisch- industriellen Systems über uns gewachsen. Wir haben Ungeheures erreicht, aber wir haben uns auch Zwänge eingehandelt, die uns die Luft zum Atmen zu nehmen drohen und die Vielen alle diese schönen Errungenschaften höchst fragwürdig werden lassen. Wir sollten deshalb genauer fragen, wie das Freiheitsbewusstsein eigentlich beschaffen ist, das sich so betroffen fühlt von der Entwicklung der modernen Welt, das sich bedroht findet zu einem Zeitpunkt, an dem die Möglichkeiten der Freiheit größer sind als je zuvor.
Dazu möchte ich noch einmal auf die Selbstbestimmung zurückkommen, dem ersten Kennzeichen der Freiheit. Frei bin ich in der Tat dann, wenn nicht von außen über mich verfügt wird, sondern mein Handeln und Verhalten vielmehr in mir selbst entspringt und ich in diesem Handeln und Verhalten mir selbst gehöre. Dennoch ist dies nur ein Moment, nur die eine Seite dessen, was Freiheit eigentlich meint. Mindestens ebenso entscheidend ist die Frage des Inhalts, um den es in solcher Selbstbestimmung geht.
Ein Inhalt der Freiheit ist aber nun nicht irgend etwas, sondern von ganz besonderer Art.
Es geht im Begriff der Freiheit nicht darum, dies oder das zu tun, das heißt alles Mögliche. Freiheit meint vielmehr die Möglichkeit das zu tun, was uns erfüllt. Sie ist somit wesentlich bezogen auf etwas, das ein sinnvolles Leben möglich macht, was in sich etwas wert ist und mit dem Rechten und dem Wahren zu tun hat, mit dem Schönen und dem Guten - wie das in der Tradition der Philosophie heißt. In Sachen Freiheit geht es um Inhalte, die selber frei machen. Viele Dinge, denen wir für gewöhnlich nachjagen, lassen uns letztlich eher leer. Je mehr wir uns z.B. auf alle die materiellen Güter richten, die uns angeboten werden und die wir in der Tat erarbeiten und erwirtschaften können, desto mehr liefern wir uns den Mustern und Zwängen aus, die in diesem Bereich herrschen, und das heißt, wir haben eben immer noch größere Bedürfnisse.
Dennoch gibt es auch sehr wohl etwas, was uns wirklich bereichert, was Zufriedenheit schenkt und Fülle, was sicher macht und frei. Jeder hat dies ja schon einmal erfahren, wenn Sehnsucht oder Verlangen nach etwas oder nach jemandem tatsächlich erfüllt wurden. Aus dieser Erfüllung erwuchs Befreiung, entwickelte dies selbst frei machende Kraft. Nicht, dass ich mich selbst bestimmen kann, ist dann hier das Entscheidende, sondern dass mir aus dem, dem ich mich in Freiheit zuwende, so viel Erfüllendes zufließt.
Zur Freiheit gehört inhaltliche Bindung - eine Bindung, die ich selbst immer neu vollbringen muss, indem ich mich solchen Formen und Inhalten des Lebens zuwende, die wirklich erfüllen, weil sie frei machen. Überall dort, wo in der allgemeinen Hochschätzung der Freiheit heute also vor allem schlicht die Möglichkeit gemeint ist tun und lassen zu können, was immer man im Rahmen der Verhältnisse und Gesetze will, wird dabei ein Stück jener inneren Bindung der Freiheit an Inhalte aufgegeben, bis am Ende der Möglichkeit, sich selbst zu bestimmen, bloße Inhaltslosigkeit gegenüber steht, das heißt Beliebigkeit des Inhalts. Damit hängt es wohl auch zusammen, dass so manch einer heute mit all der Freiheit, die er tatsächlich hat, nichts Rechtes anzufangen weiß - um aber um so nachdrücklicher darüber zu klagen, dass er auf Grund äußerer Einschränkungen vielleicht nicht alles das darf, was man wollen könnte. Lustlosigkeit und Resignation auf der einen Seite sowie Verweigerung und Gewalt auf der anderen werden zum bevorzugten Muster der Reaktion. Diese Überbetonung der Selbstbestimmung hängt zusammen mit der Grundeinstellung des neuzeitlichen Denkens, wie wir sie von Descartes über Kant und Hegel bis hin zu Nietzsche sich entwickeln sehen. Von hier ist das Bestreben zu sehen, jeder Bindung durch Vorgegebenes, der Abhängigkeit von der Natur zum Beispiel oder der Gebundenheit durch die Tradition zu entrinnen, also all den Bedingungen zu entkommen, unter denen wir zunächst leben. Der Mensch der Neuzeit will das, was ihm vorgegeben und mitgegeben ist, gleichsam umtauschen in Bedingungen, die er selber schafft, um so wirklich ganz sein eigener Herr zu sein, unter Umständen bis hin zur Forderung nach einem Recht auf den eigenen Tod, der von manchen Philosophen formulierten Freiheit zum Tod. Inzwischen ist aber unübersehbar, wie in diesem Anspruch, über alles selbst zu bestimmen und sich selbst als die Bezugsmitte des Ganzen durchzusetzen, wesentliche Dimensionen des menschlichen Daseins verkümmern. Sollte man da nicht wieder ernster nehmen, was die große Tradition des abendländischen Denkens uns dazu sagt?
Immer wieder ist da geltend gemacht worden, dass der Mensch nicht ein Wesen ist, das aus sich selbst lebt und von sich her über alles verfügt. Menschliches Dasein ist nichts in sich Abgeschlossenes, sondern bestimmt durch einen dreifachen Bezug:Der Mensch ist in der Welt, er ist mit anderen zusammen da, und er steht in einer anfänglichen Beziehung zu jener transzendenten Wirklichkeit, die unsere Sprache von alters her Gott nennt. Der Mensch ist also in Wahrheit kein Wesen, das souverän über sich verfügt, das autonom darüber befinden könnte, was es sein will, und das alles andere eben diesem Willen unterwerfen darf, sondern er hat im Gegenteil sehr wohl eine ursprüngliche Bestimmung.
Und diese Bestimmung liegt im Gerufensein durch Gott, im Verweis auf den Mitmenschen und in der Verantwortung für die Welt.
Das Sich-selbst-bestimmen-Können ist somit ein überaus großer Wert, aber es ist dies kein Selbstzweck. Das heißt, wir müssen einerseits durchaus mehr und entschiedener auf die eigenen Kräfte bauen, sie fördern und sie entwickeln und ihnen wirklich etwas zumuten. Dann behalten wir auch die Gewissheit das Leben meistern zu können. Denn im eigentlichen Sinn macht uns nicht frei, was uns abgenommen wird, sondern das, was wir durchstehen. Doch darüber hinaus muss mindestens ebenso entschieden unser Interesse an den geistigen, moralischen und religiösen Inhalten unserer Freiheit sein, denn es geht gerade um jenes Wertbewusstsein, von dem her die moderne Gesellschaft trotz ihrer Zwänge eine wirklich menschliche Gestalt behält.
Deshalb lohnt es sich für Sie, liebe Abiturienten, über den Zusammenhang zwischen Selbstbestimmung und Inhalt, der frei macht, nachzudenken. Wer sich nämlich des inhaltlichen Moments der Freiheit vergewissert, der wird auch entdecken, was alles an Freiheit selbst unter schwierigsten Bedingungen möglich ist und was manch bedrohlicher Tendenz zum Trotz gerade heute an Freiheit verwirklicht sein will. Wie frei Sie im Geflecht unserer heutigen Welt bleiben, das entscheidet keine anonyme Macht und kein dunkles Geschick, das entscheiden vor allem Sie selbst, ganz nach dem, worin Sie die Freiheit suchen und wozu Sie sie haben wollen.
Daran knüpft sich ein weiterer Begriff, wieder ein Gefühl, das nun nach der Abiturprüfung an der Schwelle zur Berufsfindung in Ihnen wächst, vielleicht von außen an Sie herangetragen wird oder das im Falle des Nichtbestehens möglicherweise auch gerade zerstört worden ist: Hoffnung. Er oder sie berechtigt zu den schönsten Hoffnungen!, werden wohl viele Eltern, Verwandte und/oder Freunde jetzt nach dem Abitur anerkennend über Sie äußern.
Oder: Wir sind um eine Hoffnung ärmer!, wenn das Ergebnis dann nicht so ausgefallen ist wie ersehnt. Obwohl sich hinter solchen Äußerungen eigentlich eine kaum verhohlene Erwartungshaltung desjenigen, der da spricht, verbirgt, zeigt sich dennoch in diesen Redewendungen ebenso offenkundig, dass unsere Geschicke des Lebens nicht nur aus eigener Kraft bestimmt sind, sondern von Mächten mit beeinflusst werden, auf die wir wiederum keinen oder nur sehr geringen unmittelbaren Einfluss haben. An dieser Stelle, wo unsere Macht endet, beginnt die Hoffnung.
Liebe Abiturienten:Seid allzeit bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn jemand nach der Hoffnung fragt, die in Euch ist(1. Petrus 3,15). Hoffnung ist eine der stärksten Lebenskräfte, die uns tragen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Diese Aussage bezeugt, welch ungeheures Lebenselixier in diesem scheinbar so banalen Begriff steckt, welche Kraft damit selbst bei tödlicher Bedrohung bspw. durch Krankheit bzw. sonstiger tatsächlicher oder auch vermeintlicher Ausweglosigkeit den vielleicht schon schwach gewordenen Lebenswillen speist.
Und nur derjenige, der eine völlige Hoffnungslosigkeit im Leben schon einmal selbst gespürt hat, dessen wirklich allerletzte Hoffnung sich nicht mehr auf sein Weiterleben hier richtete, sondern sie nur noch in der Befreiung aller Bedrängnis im Jenseits suchte, kann ermessen, welch unsägliche Leere in einem Menschen dann herrscht.
Aus der Hoffnung beziehen wir also ganz wesentlich Kraft und Willen zum Leben, doch woher nehmen wir sie? Woher beziehen wir diese unverzichtbare Hilfe zum Leben? Ich kann auf diese Frage antworten: Meine Hilfe kommt vom Herren, der Himmel und Erde gemacht hat, Aus dem Vertrauen auf Gott und seine Zusagen wird meine Hoffnung genährt, ist er die Quelle meiner Hoffnung. Und vielleicht mag sich der eine oder andere dem anschließen. Mein Wunsch für Sie an dieser Stelle ist es, dass Sie die individuelle Quelle Ihrer eigenen Hoffnung in sich selbst entdecken und somit zunächst sich selbst eine Antwort geben können, woraus Sie Ihre Hoffnung beziehen.
Als nächstes wünsche ich Ihnen, dass eben jene Quelle kräftig sprudeln und nie, unter welchen schicksalhaften Umständen auch immer, versiegen möge. Doch möge sie nicht nur Sie selbst erquicken, sondern durch Sie auch für Ihren Nächsten da sein und ihn mit laben, wenn dessen eigene Quelle vielleicht auszutrocknen droht und er sich Hilfe suchend vertrauensvoll an Sie wendet. Denn um Hoffnung keimen zu lassen, brauchen wir wiederum Vertrauen. Vielleicht zu einem Menschen, der bereit ist Rede und Antwort zu stehen, wenn jemand nach der Hoffnung fragt, die in ihm ist.
So möchte ich hier und heute nicht gehen bzw. Sie nicht gehen lassen ohne Ihnen ein kleines Symbol für die Hoffnung im Leben mit auf Ihren weiteren Lebensweg zu geben. Als ich vor nun mehr als zwanzig Jahren hier an dieser Schule mein zweites Staatsexamen machen durfte und tags darauf zu meinem Leistungskurs in den Unterricht eilte, begrüßten mich zwei Schülerinnen vor allen anderen aus dem Kurs mit einem skeptischen Gesichtsausdruck, die Hände auf dem Rücken. Sie haben die Prüfung doch hoffentlich bestanden, Frau Herbst?, fragten sie. Na ja - wir haben auch nichts anderes erwartet von Ihnen!, antworteten sie auf meine Bestätigung hin und förderten als erste Überraschung eine Flasche Sekt zutage. Die ist aber nicht für Sie alleine zum Mit-nach-Hause-Nehmen gedacht, sondern für uns alle zum Anstoßen, wurde ich belehrt. Selbstverständlich haben die damals 18 Schüler und ich den prickelnden Inhalt jener 0,7-Literflasche geradezu geschwisterlich geteilt: Jeder bekam einen winzigen Schluck! Als nächstes aber brachten sie noch einen Blumentopf zum Vorschein und überreichten ihn mir mit einer kleinen Rede.
Es war ein kleiner Geldbaum, und abgesehen von dem damit verbundenen Wunsch, ich möge nie wirklich arm werden, verbanden jene Schüler zahlreiche andere und wichtigere Hoffnungen für meinen weiteren, insbesondere beruflichen Lebensweg, der ja dadurch auch ein Stück weit ihren Lebensweg begleiten und beeinflussen sollte. Somit wurde diese kleine Pflanze ein Symbol für die Hoffnung. Inzwischen ist aus jenem zarten Pflänzchen tatsächlich ein kleiner Geld-Baum geworden und es ist Zeit etwas von diesem Symbol der Hoffnung weiterzugeben. So habe ich mich, als ich gebeten wurde für Sie die Abiturrede vorzubereiten, vor diesem Hintergrund gleichzeitig daran gemacht von dem Bäumchen Stecklinge zu vermehren. Mehr als 90 Stück habe ich abgezupft und eingepflanzt.
Leider haben etliche meine wohl zu gut gemeinte Pflege nicht überlebt und mussten durch nachgekaufte Exemplare ersetzt werden, denn die Stammpflanze hätte nicht noch mehr Triebe hergegeben ohne selbst daran zugrunde zu gehen. Aber diejenigen, die angewachsen sind, darf ich Ihnen heute als Symbol für die Hoffnung in unserem Leben, begleitet mit allen guten Wünschen für Ihren weiteren Lebensweg, überreichen.
Ihnen von Herzen alles Gute!
Gabriele Herbst, 30.6.2000